hier darf ich dabei sein...

eigene gedanken denken

du rennst und rennst und rennst
denkst, du bist in der zeit und rennst ihr dennoch nur hinterher

- du merkst es nicht einmal -

du machst du tust du reibst dich auf

du denkst so viel, dass du nicht mehr denken kannst

- du merkst es nicht einmal -

die gedanken und die träume anderer hast du zu deinen gemacht

wann hast du zuletzt deine eigenen gedanken gedacht?

es waren 7

9. April 2009

 

Einen langen und ereignisreichen Tag kurz zu schildern, wird nicht einfach sein.
Wir waren in Big Cedar (Oklahoma) zu Besuch bei meiner Tante, die ziemlich abseitig in den Ouachita Mountains wohnt. Sehr schön. Mitten im Wald, direkt an einem angenehmen Fluss. Zum Briefkasten fährt man besser mit dem Auto. Man kennt das ja.

 

Am 9. April 2009 waren wir in Mena (Arkansas) um einiges zu erledigen. Der Tag war wolkig, die Luft drückend. Unangenehm irgendwie. Abends auf dem Weg von Mena zurück auf den kurvenreichen Straßen der Ouachita Mountains um nach Big Cedar zu kommen, werden die Wolken dicker, schwerer und öliger. In diesen riesigen Wolkentürmen bildet sich unten eine Art Beutel. Dunkel und schmierig. Ölig trifft es am besten. Ich fahre mit dem Mietwagen hinter dem Auto meiner Tante. Es wird rasch dunkel. Fängt an zu regnen. Meine Tante fährt immer schneller. Das wundert mich einerseits, da doch bei jeder noch so kleinen Geschwindigkeitsübertretung die Polizei aus dem Gebüsch geschossen kommt und ärgert mich andererseits, weil ich mich hier nicht gut auskenne und die Straßen schwierig sind. Der Regen wird dichter. Die Rücklichter vom Auto vor mir verschwimmen, verschwinden teils ganz aus meinem Blickfeld, wenn meine Tante um eine Kurve rast. Und dann kommt der Hagel. Er hämmert laut und unheimlich auf das Autodach. Mir wird mulmig. An einem vergleichsweise geraden Stück werfe ich einen Blick durch das Beifahrerfenster hinaus in die Wolken. Was ich sehe ist ebenso beängstigend wie auch unfassbar. Ein Trichter arbeitet sich unweit von uns aus einer Wolke heraus. Er rotiert nur langsam. Muss mich zwingen, immer mal wieder auf die Straße zu schauen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Immerhin fahren wir zwischenzeitlich ein ziemliches Tempo. Siehst du das, frage ich meinen Beifahrer. Ja. Der Trichter arbeitet sich beinahe zäh nach unten und dann berührt er den Boden. Von einer Sekunde auf die Nächste nimmt er rasant an Geschwindigkeit zu. Ich möchte gar nicht mehr hinschauen, konzentriere mich auf die Straße, auf den Wagen vor mir. Und dann die Bremslichter. So plötzlich, dass ich beinahe aufgefahren wäre. Meine Tante lässt ihr Fenster runter, schreit gegen den Wind und den Hagel. Wenden soll ich. Auf der Stelle. Verdammt nochmal. Auf der Straße jede Menge umgestürzter Bäume. Rechts und links der Straße eine einige hundert Meter breite Schneise. Hier kommen wir nicht weiter. Wir müssen zurück. Zurück nach Mena. Und das verdammt schnell. Ich höre das Quietschen der Reifen und dann ist sie schon aus meinem Blickfeld. Mit beinahe durchgetretenem Gaspedal rase ich hinter ihr her. Zurück. Zurück zu dem Tornado, den ich gesehen hatte. Es ist tatsächlich so. Man funktioniert. Mein Beifahrer sieht den Tornado zuerst. Plötzlich ist er hinter uns. Auf der Straße. So verdammt nah und kommt schneller näher, als wir abhauen können. Wir haben Angst. Beide. Die Geräusche, die dieser Tornado verursacht übertönen den Wind, den Hagel. Es hört sich an wie ein lautes Summen. Vor uns fliegen Äste, jede Menge anderer Kleinkram und ein Briefkasten an unserer Frontscheibe vorbei um kurz darauf wieder zurück zu kommen. Das wir uns damit im ganz äußeren Kreis des Tornados befunden haben, erfahren wir erst später. Scheißangst. Es ist ein ungleicher Kampf. David gegen Goliath. Unaufhaltsam kommt das Scheißding näher. Das Summen wird zu einem Brummen. Doch dann dreht er, ebenso plötzlich wie er da war, auch wieder ab. Seitlich von uns sehen wir den Tornado auf den Wald zudonnern. Wir atmen auf und dann kommen wir in Mena an. Und nichts ist mehr, wie es vorher war. Stromkabel liegen über den Straßen verteilt, zucken noch, geben ihre Ladung ab. Entwurzelte Bäume säumen die Wege, Dächer sind abgedeckt, Wohnmobile liegen auf dem Kopf, ganze Häuser sind in sich zusammengefallen. Das Lokal, wo wir zuvor gegessen hatten, existiert nicht mehr. Die Tankstelle ist vollkommen demoliert. Mena existiert nicht mehr. Zumindest nicht in diesem Teil, in dem wir uns befinden. Wir sind vollkommen fassungslos und wissen nicht weiter. Ich weiß nicht, wo der Tornado ist, der hier gewütet hat, ich weiß nicht, wo der ist, den ich aus dem Seitenfenster sah, was mit dem ist, der hinter uns auf der Straße war und wie viele Tornados hier überhaupt unterwegs sind oder waren. Unter einer schweren und noch intakten Brücke hält meine Tante an. Wir sitzen wir erstarrt. Keiner rührt sich. Die Feuerwehr kommt an uns vorbei. Sieht uns, hält,  bedeutet uns, ihnen zu folgen und bringt uns an einen relativ sicheren Ort. Eine aus Stein gebaute Kirche in Mina. Dort treffen wir jede Menge Menschen. Kinder in Schlafanzügen, Männer und Frauen, mehr oder weniger bekleidet. Sie sind gut organisiert. Kennen diese Situationen. Sie sind sehr ruhig, arbeiten Hand in Hand. Holen Getränke aus verschiedenen Räumen, zusätzliche Stühle und Decken. Spenden Trost. Ich zittere wie Espenlaub. Will rauchen – darf nicht wegen der defekten Gasleitungen überall. Wir bleiben dort bis fast zum Morgen. Bis die Meldung kommt, die Straße sei frei.
Es waren insgesamt 7 Tornados. Das erfuhren wir später.
Gewitter in Deutschland. Pfff….

 

http://www.fox16.com/news/local/story/Downtown-Mena-hit-by-tornado/d/story/qpN28plXbEe8z2rhE-lAlQ

 

https://www.youtube.com/watch?v=0hbFVkRX57Q